Facebookuser boykottieren DSDS - Gewinner - Differenzierte Wahrnehmung: Fehlanzeige
| Man mag ja von DSDS halten was man will. Stand vor zwei Jahren noch wesentlich mehr das musikalische Können im Vordergrund, geht es seit der letzten und besonders in der jetzigen Staffel schlimmer als je zuvor um die Ausschlachtung privater Geschichten, Dramen und Tragödien, das alles garniert mit möglichst tiefen Ausschnitten und kurzen Röcken bei den Damen und optimalen Verkleidungskünsten bei den männlichen Teilnehmern. |
Dazu reißen sich die Gazetten nach wie vor um Drogengeschichten, Knastentlassungen, Stories über Messerstechereien, Todesfälle in der Familie, etc. Diese Geschichten werden von RTL voyeuristisch ausgeschlachtet - je mehr desto besser, hurra, es lebe die Quote -, dann fein säuberlich in BILD & Co mit dem Zeigefinger an der Stirn wiedergekäut und schlussendlich kommen die ach so seriösen Medien zum Zuge, die dem ganzen Abwertungszirkus noch die Krone aufsetzen, in dem z. B. einer der derzeitigen Castingteilnehmer als "Ruhrpott - Karikatur eines Gangsta - Rappers" bezeichnet wird, wobei dies noch eines der harmloseren Beispiele für den in Deutschland immer schlimmer zelebrierten Medienzynismus ist.
| Es wird nicht, wie den Castingteilnehmern und den fleissigen Anrufern vorgegaukelt, eine Show produziert, um wirklich und wahrhaftig ein herausragendes Gesangstalent zu finden, sondern einzig und allein dafür, den niederen menschlichen Instinkten Futter vorzuwerfen, das es ihnen erlaubt ihre Missgunst und Häme auszuleben, vor und vor allem nach der Show. Willkommen im modernen deutschen Fernsehen. Und gleichzeitig auch: Willkommen in der heutigen Gesellschaft, deren Masse sich in genau diesen Medien spiegelt. Junge Menschen gehen zu dieser Show, um zu versuchen einen Traum zu verwirklichen; sie träumen davon, von ihrer Musik einmal leben zu können. | |
Nun haben einige Facebook - "Freunde" unter dem Motto "Tenacious D. vs DSDS, Tribute for #1“ die glorreiche Idee aus England abgekupfert, den Gewinnersong des kommenden DSDS - Siegers dadurch zu boykottieren, dass sie deutschlandweit dazu aufrufen, den Song „Tribute“ von Tenacous D. alias Jack Black möglichst häufig runterzuladen, damit der wie jedes Jahr zu erwartende Nummer 1 - Hit des DSDS - Siegers dieses Mal ausbleibt. In England ging die Rechnung auf.
Was jedoch soll das bewirken? Trifft es damit die Richtigen? Diese Fragen erübrigen sich wohl. Im Gegenteil, die Teilnehmer werden ein weiteres Mal benutzt, sie sind Mittel zum Zweck, um dem Frust gegen die Castingshows Ausdruck zu verleihen. Aber, seien wir doch mal ehrlich: Den Produzenten der Show kann das doch völlig egal sein, denn die Sendung ist dann zu Ende, das Geld ist bereits verdient. Und nächstes Jahr wird eben wieder der nächste DSDS - Gewinner gesucht. Da wird dann wieder geschaut, wer die tragischste Geschichte hat und singen kann er auch? Prima, du bist dabei. Du hast eine sexy Oberweite, lange Beine, und / oder bist schön zickig, und singen kannst du nur ein bisschen? Egal, willkommen bei DSDS. Dann wird 2011 wieder der nächste DSDS - Gewinner gekürt und die Welt darf Wetten darüber abschließen, wie lange es dauert, bis er wieder weg vom Fenster ist. Dann kann die hämische Masse sich wieder auf die Schenkel klopfen und „Hähä!“ schreien; und gleichzeitig lästern: „Siehste, hab ich doch gleich gesagt.“ Und jährlich grüßt das Murmeltier, Verfolgersyndrom der deutschen Seele.
Solange also die Macher nicht viel mehr zur Verantwortung gezogen werden, solange von Medienwächtern Respekt und Wertschätzung nicht nur eingefordert, sondern mit Hilfe der Politik tatsächlich gesetzlich verankert wird, solange es also keinen ausreichenden Schutz vor medialem Menschenmissbrauch gibt, wird sich dadurch nichts ändern. Meldungen über gesetzliche Verstösse wie im Fall des 18-jährigen Marcel F. sind viel zu selten.
Und Talente, die dort aufgetreten sind und wirklich etwas können, werden mit solchen Aktionen wieder und wieder mit Füßen getreten, nur weil sie einmal bei dieser „Castingshow“ waren. Es ist schon so schwer genug, sich von diesem Castingstempel freizuschwimmen und kostet unbändige Geduld, Unterstützung und Überzeugungskraft von jeder erdenklichen Seite. Jemand mit Ende 20 - Anfang 30 nutzt so ein Medienportal anders, weil er es besser durchschaut. Vertragssache unter Erwachsenen. Jemand, der kurz vor dem Plattenvertrag stand, 10 Jahre Musikerfahrung hat, bevor er bei DSDS auftritt und seine Songs nicht mit Dieter Bohlen produziert, wird damit wieder in einen Topf geworfen mit 17-jährigen Träumern und den tragischen Gestalten, die primär in die Sendung zugelassen werden, um ausgeschlachtet zu werden. Die Masse Mensch ist in ihrer Häme jedoch mittlerweile anscheinend so verblendet, dass sie das nicht sieht und nur noch in unreflektierten Stereotypen denken kann. Differenzierte Wahrnehmung: Fehlanzeige.
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