Thomas Godoj LIVE in Köln, 28.02.09: Besser geht nicht!
Das Heimspiel: Thomas Godoj & Band live im Kölner Palladium am 28.02.2009
Besser geht nicht, hieß es fast jedesmal, wenn wieder ein Konzert vorbei war. Manche aber fanden einiges verbesserungswürdig und abgesehen von der Einmaligkeit des individuellen Konzerterlebnisses war so manche Kritik nicht ganz unbegründet. Was sich aber gestern Abend im Palladium in Köln abspielte, bietet nun tatsächlich Stoff für alle bisher benutzten Superlative und darüber hinaus.
Wie schaffe ich es nun in meinem völlig verstrahlten Zustand, einen Bericht zu schreiben, der nicht wie reine Lobhudelei und Heldenverehrung klingt, sondern einfach nur das wieder gibt, was ich, ein Fan unter Vielen, irgendwo in der vierten oder fünften Reihe, gestern auf diesem, meinem 4. Godoj Konzert erleben durfte? Wahrscheinlich, sage ich mir, ist es unmöglich nicht in Verklärung und Mythenbildung zu verfallen und so lass ich es einfach frei das Gefühl, der Fassungslosigkeit, der vehementen Begeisterung und der tiefen Rührung und beginne mit meinem Versuch das Erlebte in adäquate Worte zu fassen.
Während ich hier schreibe und es mir mühsam verkneife viele andere Berichte zu lesen, läuft der Konzertmitschnitt und versetzt mich wieder dahin zurück wo mein Geist immer noch verweilen muss. Denn so ein Erlebnis ist nicht eben so ad acta zu legen, sondern gräbt sich tief in das Bewusstsein hinein, wo es Wurzeln schlägt - für immer.
Große Worte und doch für mich kaum ausreichend, um wiederzugeben was wir gestern zusammen erleben konnten. Nicht Jeder mit Jedem, aber so Viele mit so Vielen und alle mit Thomas und seiner Band. Erleuchtet mag er immer noch nur durch die Scheinwerfer sein, die die Bühne in ein wunderbares den Stimmungen angepasstes Licht tauchten. Doch das Potenzial, dass viele hier schon beim Casting oder spätestens nach der Top 15-Show in ihm zu erkennen glaubten, hat sich am gestrigen Abend in eine feste Größe verwandelt. Was in Hamburg letzte Woche noch wie ein Zusammenfallen aller günstigen Umstände erscheinen mochte und sich trotz Rückschläge wie beispielsweise in Bremerhaven, in Erfurt und Münster verfestigen konnte, wurde gestern in Stein gemeißelt und ist nun für mich über alle Zweifel erhaben. Wer es nicht glauben mag, der höre den Livemitschnitt und überzeuge sich selbst. Da passte endlich alles zusammen und war doch weit entfernt von langweiliger Perfektion. Da ist einer mit seiner Band und seiner Crew da angekommen wo er auf dieser ersten Tour unter diesen schwierigen Bedingungen hinwollte. Und er hat ganz klar die Richtung angezeigt, in die es weiter gehen soll. Einiges ist nun klar und deutlich und nur noch für ein paar kurzsichtige, desinteressierte Reporter zu übersehen:
Er kann es und zwar richtig! Sie sind es und zwar zusammen! Wir wussten es und sind nun überzeugt oder werden es nie sein. Diejenigen, die bereits einige oder sogar viele der bisherigen Konzerte der Plan A Tour miterleben durften, waren sich einig, dies war bisher unerreichte Klasse und zusätzlich die größte Halle, die auf den letzten Platz ausverkauft schien. Wohin das Auge reichte waren Köpfe und vor allem Hände zu sehen, die sich rhythmisch und mit Begeisterung zur Musik bewegten. Die Menge und das Alter der Kinder, die wohlweislich sicher auf der Galerie positioniert worden waren, erinnerte zwar an den Kinderzug hinter dem Rattenfänger von Hammeln und war mir leicht unheimlich, trotzdem war das Problem so optimal gelöst und niemand wurde am Abrocken gehindert.
Das Heimspiel, wie Tom der Didge-Man es später nannte, verlief wie es dem einheimischen Fußballverein wohl noch nie vergönnt sein wird, 19:0 für Thomas Godoj und seine Band. Was auch immer für Ärgernisse, das Warten und der Einlass, mit sich gebracht hatten, war verflogen als die sehr gute Vorband ihren Auftritt beendet hatte und ein ohrenbetäubender Trommelschlag die Halle erbeben ließ.
Der Moment, der schon vom Tonträger aus Gänsehaut zu verursachen in der Lage ist, jagte mir kalte und warme Schauer über den Rücken. Alle durch das lange Warten bereits erschöpft geglaubten Energien wurden durch das energiegeladene und intensive Intro neu gesammelt und ergossen sich von da an während des gesamten Konzerts in immer neuen Kaskaden über meinen Körper.
Die Energie, die Freude und die Begeisterung, die der Leadsänger der Band mit seiner Präsenz und seiner Stimme verbreitete, potenzierte sich im Publikum um ein Vielfaches und erzeugte jenen unvergesslichen Ritt durch die Nacht, der vor meinem geistigen Auge immer noch andauert.
Dennoch, ohne diese unglaublich auf den Punkt spielende, virtuose, aber auch rotzig rockende Band, die deutlich nun bereits ein weiteres Stadium an Zusammengehörigkeit und sich gegenseitigem musikalischem Befruchten erreicht hat, würde er niemals das vorhandene Potential umsetzen können mit dieser herausragende Intensität und geballten Energie, mit denen er auch 4000 Menschen locker mitzureißen vermag.
<Morning Sun> bildete einmal mehr und besser denn je den Auftakt, der durch die tiefen Töne in wunderbarer Weise das Timbre des Sängers untermalte und gab der Band erste Gelegenheit, um die musikalische Marschrichtung anzudeuten. Dass, die energisch gebrüllte Frage und Begrüßung: „Hallo Köln, habt ihr Lust zu rocken?“, ernstgemeint war, ahnte man bereits bei der kraftvoll gespielten Nummer <Not the Only One>. Dass es richtig zur Sache gehen würde, wussten längst nicht alle 4000 Zuschauer und doch schien es weder Berührungsängste noch Zweifel zu geben, als Thomas seine Vergangenheit vor DSDS mit seiner Band Wink zu einem eigenen Teil der „Setlist“ erklärte, um das noch recht kurze Programm des ersten Albums zu verlängern. Ebenso wie die Hymne <To young to grow old> von der 50 + gefeierte wurde, der romantische Kuschelrocksong <Summer Breeze> die Liebenden mit seinen tiefen und an Seelenbalsam erinnernden Tönen zu umschmeicheln vermochte, reihten sich die ehemaligen WINK-Songs nahtlos in die mit glücklicher Hand verbesserte „Setlist“ von Thomas Godoj & Band ein.
Die übliche Danksagung wurde ohne unsicheres sich Winden und ohne die etwas rohe Unterbrechung durch die Band gemeistert und war eine frische und authentisch gelungene Anmoderation für den ersten Deutschrocksong des Abends <Plan A>. Positiv auffällig hier das Gitarrensolo von René Lipps, dass andeutete was kurz darauf zur absoluten Gewissheit gereichte: Hier waren nicht nur exzellente Musiker am Werk, sondern echte Rocker mit tiefer Liebe zur Musik.
Mit dem schon im Dezember mit großer positiver Resonanz gespielten, aus WINK Zeiten stammenden <Liebe zur Sonne>, wurde die Hitze plötzlich so intensiv, als würde der besungene Fixstern selbst auf die kochende Menge herunter brennen. Alle auferlegte Rücksichtnahme gegenüber den Umstehenden erschöpfte sich bei mir in dem Moment akut , doch ich schaffte es wundersamer Weise fast gar nicht aus dem Tritt zu kommen, als ich begann zu springen, zu headbangen, zu singen und irgendwie allgemein die Beherrschung zu verlieren.
Auch der von Thomas unheimlich nett angesagte BONK Song <Für Immer> bereitete dem Rocken kein Ende, sondern machte es zum Bestandteil der Ekstase, die sich bis heute in meinen Gliedern und Muskeln bemerkbar macht. Thomas´ Stimme nahm die Hürden, des für Renés hohe Stimme geschriebenen Songs mühelose und wirkte bei dieser Interpretation für mich noch etwas gefühlvoller als im Dezember. Woran mag es liegen?
Das aus Plan A eingeschobene <I surrender>, brachte dann den Kontrast zu dem folgenden WINK-Song <Explosion>, treffend zur Geltung. Wo gerade noch in beliebiger Diktion, aber mit recht ansprechender rockiger Attitüde eine der multiplen Facetten einer Liebesbeziehung vorgetragen wurde, erbebte nun der Saal und jegliche Trivialität war mit einem Schlag wie ausgelöscht. Schon draußen in der Schlange hatte mich der Klang des Songs, der während des Soundchecks zu uns hinüber wehte, fast zu Tränen gerührt. Das Gefühl was mich überkam, als mich die markerschütternde Drum-Einleitung umzuwerfen drohte, kann ich schwerlich beschreiben. Es war Unglauben, mit einer gehörigen Portion Ergriffenheit und Verzweiflung über all das Furchtbare was Menschen anderen Menschen aus religiösem Fanatismus heraus anzutun vermögen. Der Ernsthaftigkeit des Themas wurde in jedem Moment, sowohl gesanglich wie auch schauspielerisch und verbal von Thomas Godoj Rechnung getragen. Wer daran zweifelt, dass dieser Song ein unglaublicher Gewinn für das Programm ist, war nicht dabei oder hat meiner Meinung nach eben einfach ein völlig anderes Empfinden in Bezug auf gewisser Nuancen künstlerischer Ausdrucksfähigkeit.
Dennoch war ich dankbar für den Moment des Innehaltens während des Umbaus.
Als der Umbau für den Unplugged Teil fertig war, fiel es trotzdem noch ein wenig schwer auf eine meiner Lieblingsballaden <I don’t feel the same> umzuschalten, zumal neben mir eine Mitstreiterin schlimme Kreislaufprobleme plagten und sie von den Ordnern aus der Menge rausgeholt werden musste. Betroffen gelang es mir nach einer Weile den Anschluss wieder zu finden und mich im den wunderbaren Klang des Akustiksets zu verlieren. Schnell war klar, es gab kein Entrinnen aus dem Sog, der von der Bühne aus in Kreisen und Strahlen um sich griff und wieder zurück geworfen wurde auf die Bühne, dort zwischen den Jungs wie ein Pingpongball umhersprang und sich dann eigenständig wie ein Bumerang wieder ins Publikum katapultierte.
Sie kämpften taper, um nach <Autopilot>, den nicht enden wollenden Applaus zu bändigen und weiter fort zu fahren im Programm. Thomas suchte Unterstützung bei René doch der hörte mal wieder nix und die Band schmunzelten sichtlich beeindruckt von der Kölner Ausdauer. Dafür leistete sich Thomas dann den ersten und einzigen Patzer des Abends bei einem meiner englischsprachigen Lieblingssongs des Albums <When the Tears are Falling>, der ihn wie schon letztes Jahr Anja Lukaseder nachsichtig bemerkte, für mich nur noch sympathischer machte, zumal er dabei den Kopf über sich selbst halb entrüstet halb belustigt schüttelte. Um so insbrünstiger sang er danach weiter, um die Scharte wieder auszuwetzen und das gelang ihm spielend durch die Kraft und die Gefühlsintensität seiner Stimme, die er gestern Abend zum Glück voll ausschöpfen konnte.
Aus dem letzten Teil des Konzerts stach noch, das immer besser klingende <Alles was nicht existiert> hervor, welches sich meiner Meinung nach zu einem echten Rock-Hit mausert und einfach nur so vor positiver Energie strotzt ohne dabei banal zu wirken. Auch hier in Köln wurden natürlich zum Zeichen der Begeisterung die immer wiederkehrenden Klänge der White Stripe Hymne vom Publikum und Band wechselweise aufgenommen. Der Song <Chasing Cars> von Thomas interpretiert, klang wie immer deutlich besser als das Original und erinnerte daran, dass es gerade genau ein Jahr her war, dass er sich in die Herzen ganz vieler Zuschauer gesungen hatte. Wie vielen anderen war mir bei dem Gedanken etwas nostalgisch zumute und auch <Love is You> erinnerte an die erste Zeit mit ihm. Die mutet unschuldig an, fernab von der Erwartungshaltung, die bei vielen Fans nicht zu unrecht mittlerweile entstanden ist. Schön ist es nun diesen Song von der Band gespielt zuhören und nicht vom Band wie bei einigen Pflichtauftritten mit Playback. Bezeichnenderweise wird der Song mittlerweile mitgesungen, fast wie HG, nur eben bedächtiger.
Und dann kam schon das große Finale, der angedeutete Hüftschwung, die Stimme, die mit Elvis mithalten kann und doch eben ganz anderes klingt, die große Danksagung, die diesmal wirklich spaßige Vorstellung der Band, als Thomas die beiden Gitarristen René und Sebastian, die Rücken an Rücken losrockten wie Siamesische Zwillinge, versuchte mit dem ausgestreckten Bein zu trennen, es aber nicht schaffte und sie dann, sich irgendwie zwischen sie schiebend, über sie hinweg brüllend, einfach zusammen vorstellte.
Die Zugaberufe laut und ausdauernd brachten Daniel Geist zurück an seinen Zauberkasten und mit ihm dieses atmosphärisch unheimlich dichte Intro für den polnischen Song <Urke>. Um mich herum hielten sofort wie auf Kommando alle die Arme hoch in die Luft und ballen die Fäuste. Die Geste wurde bereits verinnerlicht und gehört als Ritual ebenso wie der polnische Cover-Song zu einem echten Godoj-Konzert dazu. Auch auf Polnisch seiner 2. Muttersprache rockte Thomas die Halle des Palladium und vermochte es gleichzeitig Gefühle zu erzeugen, die der leichten Wehmut entsprachen, die sich beim drittletzten Lied unvermeidbar einzustellen begann.
Das Mädel mit dem Schild, „Ich will mit Dir singen!“, bekam tatsächlich was sie wollte und wurde auf die Bühne geholt. Jung, blond und zierlich, machte sie das wirklich ganz toll und die beiden hatten sichtlich Spaß am Singen. Ebenso wie das Publikum, das wieder alles gab und Thomas auf sein Helden gesucht, immer wieder antwortete, Helden gefunden. Beim letzten Mal schien ein Verstehen aufzublitzen und ein Lächeln huschte über das Gesicht, das eigentlich immer noch blass und angestrengt wirkte, aber gleichzeitig zu leuchten vermochte, weil es einfach reine Freude am Erlebten ausstrahlte, dazu bedarf es keiner Erleuchtung, sondern nur künstlerische Empfindsamkeit.
Am Ende begann mal wieder das Publikum alleine <Let it Be> zu singen und Tom sagte zu seiner Band, sie könnten ja dann wohl alle schon mal von der Bühne gehen. Apropo von der Bühne gehen, ich habe selten einen Künstler gesehen, dem es schwerer fiel die Bühne zu verlassen. Fast wie in Trance, ging er ganz langsam seitwärts, mit diesem glasigen Blick, der die darin aufsteigenden Tränen kaum verbergen kann. Mühsam schob er sich, immer wieder ungläubig ins tobende Publikum schauend, nach hinten in die Kulissen.
Da bleibt nur noch zu hoffen, dass dort hinten jemand bereitstand, der ihn erst ganz fest in den Arm nahm und ihm dann ins Ohr flüsterte: „Es ist wahr, Du warst großartig und sie lieben Dich!“ oder auch nur wiedermal: „Besser geht nicht!"
Copyright by Salma69