Thomas Godoj LIVE in Würzburg, 19.09.09 - Fanbericht

Veröffentlicht auf von Thomas Godoj LIVE Blog





Völlig ermattet liege ich hier auf dem Sofa, Laptop auf dem Bauch und ich merke, eigentlich bin ich noch gar nicht wach. Meinen Körper habe ich zwar mit einer relativ hohen Durchschnittsgeschwindigkeit wieder zurück nach Hause gebracht. Doch der Rest, der innerliche Teil, der die Bilder und Emotionen von gestern verwahrt, steht immer noch mitten drin im Gewühl, in diesem Knäul aus verschwitzten Leibern, im ohrenbetäubenden Lärm von Schreien, Pfiffen und Applaus, der nicht enden wollte, auch nicht als die Band die Bühne bereits verlassen hatte. Mir war als sei es der stärkste jemals erlebte Applaus, Halle im Dezember und Köln am 28. Februar und Recklinghausen am 13. März, sogar Hamm locker übertreffend. Meine Ohren waren taub, voller schriller Töne inklusive der seltsam anmutenden Laute, die aus meiner eigenen Kehle zu kommen schienen.

Wie hatte er uns doch überrascht und eingewickelt, reingelegt und wir waren ihm auf dem Leim gegangen. Als er bei Daniel stand und die ersten Töne von "Let it Be" wie schon so oft zu singen begann. Und dann dieser Schrei, der für gewöhnlich den rockigen Teil des Songs einleitete, das Mikro zwischen die Hände geklemmt, den Mikrophonständer herangezogen, und während meine Ohren meldeten, dass die Musik, die nun einsetzte nicht die von "Let it Be" war und mir dämmerte um welchen mir bereits bekannten Song es sich handelte, klatschen meine Hände längst im richtigen Takt und mein Mund begann sich zu bewegen, und die Freude überspülte mich in Wellen. Um mich herum eine Menge Skeptiker des Songs, die völlig ausflippten und hinterher völlig erstaunt feststellten, wie gut Ihnen der Song live ja doch gefallen habe. Im Gegensatz zu ihnen bekam ich ungefähr genau das was ich erwartet hatte, ohne, dass ich es vorher hätte beschreiben können.

Doch trotz all der Euphorie will ich ruhig auch sagen, dass ich bei dem Song immer noch Luft nach oben sehe. Es war eine überzeugende erste Liveversion mit Vehemenz und dem Willen jeden mitzureißen. Jedoch die Instrumente so wie die Stimme schienen noch hier und da den richtigen Modus zu suchen. Dennoch, der Begeisterungsfunke ist meiner Meinung nach bei uns Fans jedenfalls übergesprungen, und ich denke alleine das war ihm, Thomas Godoj, schon wichtig. Ich finde er hat um uns gekämpft, er scheint unsere Gesichter tatsächlich wiedersehen zu wollen (denn sie wissen nicht was sie tun Teil II) und mein Eindruck ist, dass er in dieser Richtung einen guten Schritt weitergekommen ist. Was die etwas melancholischen und wunderschönen Nuancen in dem Song angeht, der Teil, in dem für mich rüberkommt, wie viel Schweres man im Leben so zu bewältigen hat und wie wichtig es ist weiter zu kämpfen und niemals aufzugeben, da wünsche ich mir noch eine gefühlvollere Performance, die dann so auch eine größere Spannung erzeugen könnte zwischen den Strophen und dem Refrain. Aber der Song, der für mich von Anfang an viel Potential hatte, hat in der Liveperformance schon so an Energie und guter Instrumentierung gewonnen, wie ich es eben von dieser Band erwartet habe. Aber ebenso wie die Plan A Songs, egal welcher Herkunft, die erst während der Tour immer weiter ausreiften, so wird dies auch bei "Nicht Allein" der Fall sein, und ich freue mich jetzt schon auf jede neue Liveversion.

Nein, ich merke, ich kann nicht noch einmal das gesamte Konzert Revue passieren lassen. Nicht die Hindernisse, die meiner Fahrt nach Würzburg zu verhindern suchten aufzählen. Nicht die Details in seiner Performance analysieren, nicht die Reaktionen des Publikums interpretieren. Auch nicht meine Gefühle und Gedanken in jedem flüchtigen Augenblick des Glücks eines Süchtigen chronologisch wiedergeben.

Vielmehr verdichten sich heute Bilder und Klänge zu Emotionen und Gedanken. Das sichere Gefühl als ich morgens erwachte, dass ich nicht fahren könne, denn irgendwie schien sich alles dagegen verschworen zu haben. Die Entscheidung trotzdem zu fahren und das Gefühl der vorsichtigen Freude und der Freiheit auf der Autobahn unterwegs zu unserem Treffpunkt bei Köln. „Denn wir sind jung und wir sind frei!“

Die Begrüßung, die gemeinsame Fahrt mit Purzel, Caya, Spunk und Santa, so viel Spaß und geteilte Vorfreude. Die Ankunft in Würzburg, die Wärme, die fast mediterrane Atmosphäre, die Ankunft an der mit Abstand kleinsten Bühne der Sommertour, die nette Vorgruppe Tanzkinder, die gute Laune verbreitete. Und dann die immer härteren Proben unserer geschmacklichen Leidensfähigkeit. Der Angriff auf meine „Trommelfelder“ und das Zwerchfell durch völlig übersteuerte, verzerrte Höhen und Bässe, ergänzt durch die optische Zumutung eines abgehalfterten Michael Jackson Imitators. Einzig ein paar niedliche Kinder, die eifrig zu Thriller, Beat it oder Billy Jean usw. abzappelten, vermochten mich ansatzweise aufzuheitern.

Natürlich abgesehen von der Erwartungshaltung auf Godoj, die alles Warten zum Erlebnis macht. Dieses kribbelnde Gefühl im Bauch gleich Teil etwas ganz besonderen zu werden. Weitere musikalisch unerhebliche Darbietungen hin bis zur absoluten unterirdischen Vorführung eines offensichtlich geistig eingeschränkten Menschen, die ich sowohl als Verletzung der Würde dieses armen Opfers empfand, wie auch als völlig unpassend einem Thomas Godoj und seiner Band gegenüber. Die Welten, die zwischen diesen beiden ehemaligen Teilnehmern derselben Fernsehshow liegen, ergaben ein groteskes Szenario, dessen Eindruck nur leidlich durch eine längere Umbauphase verwischt werden konnte.

Das Szenarium rundum dagegen erhaben in seiner Wirkung, der Main und die gegenüberliegenden Prachtbauten, der Sonnenuntergang und die immer noch laue Spätsommerluft (Leider fehlte auch heute auf der Setlist die "Summer Breeze"). Doch das Intro mit seinen vertrauten Klängen riss mich aus den Tagträumen und katapultierte mich von Null auf Tausend in die Godojanische Umlaufbahn.

Von der ersten Sekunde an, schneller als je zu vor, hatte mich Thomas Godoj an diesem Abend an einem unsichtbaren Faden hängend zum Spielball seiner Performance gemacht. Ich hüpfte, wenn ich es sollte, ich sang und schrie, klatschte und schmachtete, genau zum vorgegebenen Zeitpunkt und genoss diese völlige Fremdbestimmung auch noch, inmitten von gleichgesinnt Bekloppten und Verzückten, und ich flog in sein Licht und falls ich tot war, bemerkte ich es nicht.

Im Gegenteil, ich fühlte mich so lebendig wie zu wenigen anderen Zeitpunkten, so sinnlich berührt und emotional gepackt. Nur irgendwann, besonders zu Anfang, ging mein Blick immer wieder zurück: „Was spielt sich hinter dem Fanblock ab, in dem ich stehe? Kann er auch die anderen erreichen, die weiter weg im Gewühl stehen?" Der Platz ist nicht groß und unübersichtlich, ich kann nicht viel erkennen. An der Seite, die auf dem Vordach Sitzenden machen gut mit, hinter mir sehe ich auch Hände oben, mir erscheint der Krach ohrenbetäubend. Doch um ehrlich zu sein kann ich nicht beurteilen wie es wirklich ankam in Würzburg, was Thomas und die Band an diesem Samstag ablieferten. Ich kann nur sagen, dass es mich weggeblassen hat. Mehr als in jedem anderen Konzert zuvor, auch wenn ich das selbst kaum glauben kann.

Welche Bilder tauchen wie im Rausch vor meinen geistigen Augen auf?

Die Hände auf seinem Bauch bei "Morning Sun" und wie rund um mich herum alle Frauen zwischen 15 und 65 die Luft anhielten; die emotionale Erklärung, warum ein Album mit eigenen selbstgemachten Songs viel länger auf sich warten lasse, dass es aber diese Art von Musik sei, die das ganze Herzblut eines Musikers fordere. Oder als er uns bei der Ankündigung von "Liebe zur Sonne" anwies den Boden zum Beben zu bringen und wir das aufgrund seiner unglaublich intensiven Performance in die Tat umsetzten. Wobei das Arrangement hier überraschend anders klang als wir es gewohnt sind. Mir fehlte der dramaturgische Bogen durch den Mittelteil zwar, anderseits ist der Song für mich in allen bekannten Versionen unschlagbar. "Kündigt sich da etwa eine Überraschung auf dem Album an?", dachte ich kurz, doch dann wurde ich weiter getrieben im godojanischem Strom und alle Gedanken dahingehend waren mir entglitten.

Das Piano-Intro zu "Für Immer" unplugged von Daniel, welches mich ehrlicherweise das australische Langrohr kaum vermissen ließ. Auch der Moment, wo Thomas bei "I don’t feel the same" scheinbar zu viel Druck aufbaute und die Stimme zweimal einfach seinen Dienst verweigerte. Zwar konnte er den Song dann doch noch leidlich beenden, ich glaube aber kaum, dass wir den Song wieder hören werden. Die Hangbewegung nach dem Applaus zumindest war wegwerfend ärgerlich.

"Autopilot" wurde noch mal zu einem der Highlights stilisiert, in dem er die Menge wie bei früheren Konzerten bat die Augen zu schließen und mit auf die Reise zu gehen. Hier, wie während des gesamten Konzerts, wurde der Kontakt mit dem Publikum bis zum äußersten gesucht. Dann die unglaublich intensive Version von "Flüchtig" und dann ein wie absichtlich nachlässig dazwischen gequetschtes "Love is you" vor einem wirklich mitreißenden rockigen "Alles was nicht existiert".

Wie er bei vielen Songs und besonders dann bei "Helden gesucht" immer wieder nach vorne an die Absperrung kam, ins Dunkel - denn die Ausleuchtung war katastrophal - und in den sich entgegenstreckenden Händen der Begeisterung badete. Die emotionalen abschließenden Worte während des Songs zur Plan A - und Sommertour und die bewegenden Worte in denen er sagte, wie glücklich er wäre uns im Dezember wiederzusehen bei der "Richtung G" - Tour.

Dann die "Explosion", die mich dieses Mal ähnlich wie in Köln am 28.03. ganz still werden ließ, während ich seine Mimik, Gestik und Körpersprache studierte und dabei das Gefühl hatte andächtig in einem Kinofilm zu sitzen, in dem die Geschichte dieses verwirrten fanatisierten Selbstmordattentäters packend erzählt wurde. 

Die immer wieder kehrenden Geburtstagsständchen für Daniel und schließlich dann das Spiel, das er mit uns spielte. Das Antäuschen des "Let it Be" - Intros bei Daniel am Keyboard stehend, und wie er dann plötzlich keine Lust mehr zu haben schien. Die Einladung zum Videodreh und die fast zärtlichen Worte an Rocklinghausen, die Stadt, für die sein Herz schlägt. Das tatsächliche Ansingen von "Let it Be", dieses letzten Überbleibsels aus der bekannten Show, uns schon so vertraut und mir doch nie wirklich nah.

Und dann eben dieser Moment als "Nicht Allein" sich über die z.T. sehr skeptische Fanmasse ergoss und auch über die Uneingeweihten. Der Moment, als die Spannung in Begeisterung umschlug und sich dieser unglaubliche gemeinschaftliche Taumel der Euphorie in uns breit machte, der nicht enden wollte nach dem letzten Ton des neuen Songs. Wie wir klatschen und schrien und ihn und die Jungs ekstatisch feierten und uns für Sekunden oder waren es doch Minuten ja Stunden, NICHT ALLEIN fühlten, sondern wie in einen warmen weichten Kokon aus Hoffnung und Zuversicht gehüllt. Wie wir nur unwillig von der Bühne zurückwichen, um uns gegenseitig in die Arme zu fallen und in spontane "Nicht Allein" - Gesänge auszubrechen…. 

Was für ein schöneres Tourende könnte sich eine Band denn wünschen, die sich nun aufmacht ihren ganz eigenen Weg zu gehen und doch die Gradwanderung auf sich nimmt, den Erfolg aus der vorherigen Epoche mit hinüber zu retten? Wir hoffen so sehr, dass sich die Zeile aus dem neuen Song für sie und für uns bewahrheitet, in der es heißt: Wir waren Boot ohne Anker im großen Meer verloren. Doch das ist jetzt vorbei. (…) Wir sind nicht allein. Wir sind wertvoll und nicht allein. Es ist wertvoll und nicht vorbei!

by Salma


Veröffentlicht in RICHTUNG G 2009-2010

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Männike 09/28/2009 11:11


Danke Salma für diesen hochemotionalen aber so treffenden Bericht. Ich kann nur jede einzelne Silbe unterschreiben. Und auch wenn ich manchmal denke, ich bin total bekloppt - ich bin NICHT ALLEIN!!
Schön, dass wir nun alle in Richtung G gehen und noch schöner, wenn unsere Zuversicht sich bestätigt, dass spätestens nach dem dritten Album der Weg nicht mehr ganz so "steinig und schwer" sein
wird und unser Autopilot uns anzeigt, dass unser Boot zu neuen Ufern segelt!